Ägypten: Tourismusindustrie in Sharm El Sheikh nach weiteren Haiattacken in Bedrängnis


Tags: Haiattacke shark attack
Zum Vergrößern anklicken - Foto: Maurizio Mao Casella
Das große Haischlachten in Ägypten hat begonnen 

Nach den schweren Haiunfällen der Vorwoche (vier Schwerverletzte) kam es nun auch noch zu einem Todesfall durch einen Haiangriff. Die Behörden in Sharm El Sheikh stehen vor einem touristischen Desaster - und die Haie als solches vor einem massiven Problem...

Wie bereits berichtet, kam es in der Vorwoche zu vier schweren Verletzungen durch Haiangriffe in der Region des Touristenortes Sharm El Sheikh auf der ägyptischen Sinaihalbinsel. Anfangs versuchten die lokalen Behörden noch, die Situation zu verheimlichen. Als dies nicht mehr gelang, wurde die Schuld an den Haiangriffen auf einen einzigen Hai geschoben (was damals schon keiner geglaubt hat).

Nachdem die Badestrände und Riffs für zwei Tage gesperrt wurden, hat man einen (harmlosen) Weißspitzenriffhai gefangen (Größe: rund 1,5 Meter) und diesem die Schuld an den Angriffen gegeben. Dass laut Augenzeugenberichten (und sogar durch Videos belegt) die vorangegangenen Attacken durch Weißspitzenhochseehaie (Longimanus) von rund 3 Meter Größe passiert sind, hat die Behörden nicht weiter gestört. Die Touristen konnten auf einfache Art und Weise beruhigt werden.

Es traf ja "nur" Russen
Als logische Konsequenz (der böse böse Übeltäter, ein wahrer Killerhai) konnte gefasst werden. Da die vier Opfer davor noch dazu "nur" russische Touristen waren (und diese bei niemanden vor Ort besonders beliebt sind), gab man sich mit dieser Erklärung zufrieden. Die (ägyptische Tourismus-)Welt war wieder in Ordnung.

Bis es am Sonntag, 5.12., wieder zu einem Unfall kam - diesmal erwischte es eine 70jährige Touristin aus Deutschland. Das Chaos war perfekt. Nicht nur, dass die Schwimmerin diesmal keine Russin war, nein, noch schlimmer, sie wurde im flachen Wasser direkt vor dem Hotel attackiert und starb aufgrund der schwerwiegenden Verletzungen an Armen und Beinen.

Nun hatten die ägyptische Regierung, das Tourismusministerium, die CDWS (Chamber of Diving and Water Sport) und alle anderen Behörden ein echtes Problem. Die Konsequenz: Die Strände wurden sofort wieder gesperrt. Und ein Statement? Natürlich nicht - wie kann man denn auch erwarten, dass es eine offizielle Stellungnahme gibt. Wo kämen wir denn da hin...

HEPCA warnt - doch umsonst
Einzig Amr Ali, der Direktor der ägyptischen Naturschutzbehörde HEPCA - schon in der Vergangenheit dafür bekannt, sich kein Blatt vor den Mund zu nehmen - äußert sich zu den Vorfällen: "Jetzt wird man sicher anfangen, alle möglichen Haie aus dem Meer zu fischen, um "den Schuldigen" zu finden. Aber das kann nicht die Lösung sein. Wir haben jetzt schon Probleme damit, dass aufgrund von illegaler Fischerei die Haibestände der Region massiv schwinden."

In einem Facebook-Eintrag äußert er sich auch in der vergangenen Woche zu den offiziell präsentierten "Killer-Haien" und meinte sinngemäß, dass die Welt wohl nun für die Regierung wieder in Ordnung sei - doch das wahre Problem damit wohl kaum aus der Welt geschafft wurde. Der Tod der deutschen Touristin gibt ihm leider Recht.

Tauchtourismus geht weiter - Badetourismus wieder gesperrt
Vor Ort erfuhr nullzeit.at auch, dass mittlerweile (heute Dienstag, 7.12.) die Tauchboote wieder ausfahren dürfen und Tauchen von den Booten aus wieder erlaubt ist. Wo kämen wir denn auch hin, wenn Einnahmen aus dem Tourismus auf einmal schwinden würden. Das wäre doch unmöglich hinzunehmen....

Und als Fazit der ganzen Geschichte werden Gerüchte gestreut (es wären illegal Schafskadaver von einem Frachter entsorgt worden, und deswegen gäbe es jetzt diese Haiattacken), die an Skurrilität nicht zu überbieten sind. Das wahre Problem wird aber nicht aufgegriffen. Das liegt darin, dass seit Jahren für die Tourismusindustrie Haie in Ägypten angeködert werden. Dies ist zwar offiziell verboten, dennoch wird es immer wieder geduldet.

Jeder vor Ort weiß das, dagegen getan wird allerdings nichts. Internationale Haischutzorganisationen, wie etwa auch Sharkproject, warnen seit Jahren vergeblich davor, dass es demnächst zu einem Problem kommen könnte. Jetzt ist das Problem da und keiner trägt die Schuld daran.

Wie es vor Ort tatsächlich zugeht - wie Touristen (Schnorchler, Badegäste) an die Longimani herangeführt werden, kann man sich in diesem (russischen) Video zu Gemüte führen. Dass bis dato nicht mehr passiert ist, verwundert dabei umso mehr... Jeder möge sich sein eigenes Urteil bilden.

>> Russische Badegäste und Haie

Plankton und die Haie
Ein weiterer Grund für die derzeitige Häufung der Unfälle liegt an den momentan vorherrschenden Strömungen. Plankton wird in die flachen Küstengewässer getrieben, die Fischschwärme folgen dem Plankton und Haie wiederum den Fischen. Dass aber mittlerweile tausende Badegäste mitten in den Fischschwärmen ihrem Hobby frönen, können die Haie natürlich nicht wissen. Sehr wohl aber wissen die Behörden von den Haischwärmen...

In Florida etwa werden Strände regelmäßig gesperrt, wenn es planktonbedingt zu einer Häufung von Haischwärmen kommt. In Ägypten? Unmöglich... dann kämen ja keine Touristen mehr, wenn es da Haie im Wasser gibt. Achso, ja klar, das ist ja nur ein einziger Killerhai, der dort sein Unwesen treibt. Und bis man den "einen" gefunden hat, fängt man eben alle möglichen Haie raus. Irgendwann werden die Unfälle schon aufhören, weil dann hat man genau den richtigen Hai getötet...

Das Haischlachten hat begonnen
Es gibt mittlerweile unzählige Bilder, die von Haitötungen in Ägypten gemacht wurden. Die Regierung versucht alles, um das Erscheinen dieser Bilder zu verhindern. Im Zeitalter von Facebook und Online-Magazinen tun sie sich damit allerdings schwer. Das Titelbild dieser Story wurde am 3. Dezember von Maurizio Mao Casella gemacht - die Regierung hat versucht, die Veröffentlichung zu verhindern. HEPCA-Direktor Amr Ali meint dazu auf seiner Facebook-Seite am 3. Dezember launig: "So, jetzt haben sie den Hai endlich gefangen und dieser hat auch schon gestanden...". Einzig die Behörden glauben noch, dass ihnen die Allgemeinheit diesen Blödsinn des einen Killer-Hais abkauft.

Momentan, und da sind sich alle einig, werden Haie en masse vor Ägypten getötet. Die Tourismusindustrie geht vor dem Leben der größten Räuber der Meere, die für den Erhalt des Ökosystems Meer aber lebensnotwendig sind. Selbst Warnungen renommierter lokaler Naturschutzbehörden, wie der HEPCA, prallen an den Verantwortlichen ab.

Man darf gespannt sein, wie die Geschichte weitergeht. Und sag dann keiner, es wurde vorher nicht gewarnt.

Wie uns mittlerweile auch von einem Bekannten, der gerade auf Tauchurlaub am Sinai weilt, berichtet wurde, geht die Scheinheiligkeit vor Ort sogar so weit, dass man versucht, auch die Taucher zu beruhigen. So ist das Tauchen von Booten aus zwar wieder erlaubt, allerdings nur außerhalb der Gebiete, in denen es zu den Vorfällen kam. Wie meint unser Freund Rainer Seitz dazu so schön: "Tauchen ist südlich der Naama Bay und Nördlich von Tiran erlaubt... der oder die Haie werden schon wissen wo sie schwimmen dürfen und wo nicht." Dem können wir nun wirklich nichts hinzufügen....

[Bericht: Leo Ochsenbauer, nullzeit.at]

Bilder

Zum Vergrößern anklicken - Foto: Facebook Screenshot
HEPCA Direktor Amr Ali's launiger FB-Eintrag 




Videos

Suchbegriff: Haiattacke shark attack
Alle Nutzungsrechte entnehmen Sie bitte youtube.com

Tweets

Ausdrucken - frisch auf Papier | Artikel verschicken | Kommentieren um die Wette | Addthis Button | Newsfeed - Aktuelles vom Wassersport | [edit] | [top]



Artikel kommentieren

| Kommentar Neuer Kommentar

Kommentar von: Leo Ochsenbauer - nullzeit.at gepostet: 08.12.2010 19:34 X

@ Werner Lau
Hallo Werner, schön von dir zu lesen. Spätestens auf der Boot wird man sich ja wiedersehen. Auf deine Frage: Woher ich das mit dem Haischlachten weiß? Aus fundierten Berichten vor Ort - inklusive Fotobeleg. Das eine Foto das ich beim Artikel gepostet habe ist nur die Spitze des Eisbergs. Ich hab bei Gott nicht vor, alle Fotos zu posten, die mich bzw. auch Sharkproject erreichen. Und ob es nun 10, 20 oder auch 100 Haie sind, die getötet werden, um die Tourismusindustrie zu beruhigen, ist echt unerheblich. Jeder getötete Hai ist einer zuviel. Wir als Taucher sind in deren Lebensraum zu Gast. Es käme auch keiner auf die Idee eine Unmenge an Löwen zu töten, nur weil ein Tourist durch diese getötet wurde.... (so geschehen z.B. vor 2 Jahren im Kruger Nationalpark, war allerdings kein Tourist sondern eine Angestellte, die zu spät noch außerhalb der Ressortwälle unterwegs war). Und das mit Strömungen hab ich sehr wohl auch geschrieben. Ich kenne die Expertenberichte auch. Ich wünsche euch allen in Ägypten (bzw. deinen Basenleitern) dennoch alles Gute und hoffe, dass es keine allzu negativen Auswirkungen auf euren Tourismus hat. Aber am Prinzip ändert das leider nichts.... Liebe Grüße Leo

Kommentar von: Karl Reder gepostet: 08.12.2010 15:09 X

Konsequenzen?
Wer als "Wassersportler" dafür bezahlt, Haie durch "Anfüttern" beobachten zu wollen, nimmt in Kauf, dass damit Menschenleben gefährdet werden. Nicht der Hai, der Mensch handelt hier unverantwortlich. Tauchbasen, die Haie anfüttern, gehören konsequent aus den Tauchsportorganisationen ausgeschlossen. Taucher, die sich daran beteiligen, ebenso. Von den Behörden vor Ort darf man sich angesichts der grassierenden Korruption ohnehin nicht viel erwarten. Leider geht auch in der Tauchsportindustrie der Kommerz vor dem Naturschutz. Programme wie PADI Aware sind zwar grundsätzlich lobenswert, beschränken sich aber lediglich auf Aufklärung statt Bestrafung.

Kommentar von: Werner Lau gepostet: 08.12.2010 09:32 X

Richtigstellung
Lieber Leo! Habe Deinen engagierten "Bericht" gelesen. Er beinhaltet aber eine Menge Vermutungen und Unterstellungen. Wieso die Haie auf einmal Schnorchler angreifen ist nicht genau bekannt. Das mag mit dem unsäglichem Füttern zu tun haben, aber auch außergewöhnliche Strömungen , welche die Haie nahe an Küste bringen können dafür verantwortlich sein, so wie eine Menge andere Gründe. Dies wird von verantwortungsvollen Wissenschaftlern zurzeit untersucht. Diese arbeiten mit den offiziellen Behörden eng zusammen, sind sogar dazu beauftragt worden. Halte dich bitte auf dem laufenden mit den CDWS up dates newsletter@cdws.travel Nicht richtig ist, dass zur Zeit wahllos Haie abgeschlachtet werden! Woher hast Du denn diese Info? Werner Lau

Kommentar von: Philipp gepostet: 07.12.2010 15:31 X

Bravo
Dankeschön für diesen Bericht. Endlich jemand der etwas Vernünftiges über die Zwischenfälle schreibt.




Weiterführende Artikel

7.12.2010 | Leo Ochsenbauer