244 Meter: Herbert Nitsch setzt neue Grenzen
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Am 6. Juni, 14.35 Uhr, startete der Wiener Freitaucher Herbert Nitsch seine Tour in die Tiefen des Mittelmeers vor der griechischen Insel Santorin, die ihn in die Geschichte des Apnoe-Sports eingehen lassen wird. Nach 4 Minuten und 32 Sekunden erreicht Herbert wieder die Wasseroberfläche – der Rekord ist geschafft: 244 Meter mit nur einem Atemzug. Die danach eingeleitete Rettungskette samt Deko-Behandlung in Athen zeigt jedoch, dass die Grenzen in diesem Sport nun mehr oder weniger ausgereizt sind.
Herbert Nitsch, der ehemalige Berufspilot, hat sich ein ehrgeiziges Lebensziel gesetzt: als erster Mensch der Welt möchte er auf 1.000 Fuß (304,8 Meter) Tiefe tauchen – nur mit dem Atemzug in der Lunge, den er kurz vor dem Abtauchen an der Oberfläche noch eingeatmet hat. Zum Auftakt der Serie von drei Tauchgängen begibt er sich Ende Mai 2012 auf die griechische Insel Santorin, die ihm die idealen Tiefen bietet, um sein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Eine Reihe an Test- und Trainingstauchgängen steht ab nun für die nächsten drei Wochen auf dem Programm. Ende Mai stößt auch Herberts Vater, Gerhard, zur Gruppe, um seinem Sprössling einen Besuch abzustatten. Da er weiß, dass Herbert immer extrem auf Sicherheit Bedacht ist, macht er sich keine allzu großen Sorgen um seinen Sohn.
Nachdem sowohl das Team eingespielt, als auch der extra angefertigte Schlitten ausgetestet wurde, folgt Anfang Juni ein kleiner Rückschlag für das Team: da die AIDA International, die größte Freitauchorganisation, darauf besteht, jeden Rekordtauchgang nur mittels Tiefenmessung des offiziellen AIDA-Sponsors Suunto als Rekord zu werten, Herbert Nitsch allerdings einen direkten Konkurrenten, den Luxusuhrenhersteller Breitling als Hauptsponsor hat, kommt es zu einem vorprogrammierten Eklat. Die geplante Tauchgangsserie wird von der AIDA nicht als offizielle Weltrekorde gewertet werden. Im Prinzip eine Augenauswischerei: Herbert Nitsch erfüllt alle Richtlinien. Auch die oft in der Freitauchszene kritisierte „Colaflaschen-Druckausgleichsmethode“, bei der Herbert in den niedrigeren Tiefen in eine mitgebrachte, mit Wassergefüllte, Plastikflasche ausatmet, um weiter unten aus dieser Flasche wieder Luft für den Druckausgleich beziehen zu können, wurde bereits bei seinem 214 Meter Weltrekord-Tauchgang 2007 offiziell genehmigt. Das einzige, das er diesmal nicht akzeptieren möchte, ist die Zeit- und Tiefenmessung durch Suunto.
Der Tag der Entscheidung
Am 6. Juni 2012 ist es schließlich soweit. Alle Sicherheitsmaßnahmen sind vorbereitet, das 300 Meter lange Ankerseil ausgeworfen, eine eventuell notwendige Rettungskette vorbereitet. Obwohl eine Unmenge an Reportern das Boot belagert und kaum Platz ist, sich umzudrehen, findet Herbert die Ruhe, um sich mental auf den Tauchgang vorzubereiten. Um 14.35 Uhr nimmt Herbert seinen letzten, tiefen Atemzug an der Oberfläche. Der grellgelbe Auftriebskörper, der von seinen Schultern über seinen Kopf reicht, erinnert zwar ein wenig an die Außerirdischen-Karikatur Conehead, erfüllt aber einen besonderen Zweck. Bei allen bisherigen No Limit-Tauchgängen kam immer ein Schlitten zum Einsatz, an dem eine Pressluftflasche samt Ballon befestigt war. Erreichte der Taucher sein Ziel in der Tiefe, musste er die Pressluftflasche aufdrehen, warten bis der Ballon sich langsam mit Luft gefüllt hat und vor allem darauf hoffen, dass der Sack nicht wieder in sich zusammensackt – was leider doch immer wieder vorkam. Um dieses potenzielle Problem zu vermeiden (ich erwähnte wohl schon, dass Herbert ein Sicherheitsfanatiker ist), wurde ein Auftriebskörper entwickelt, der aerodynamisch geformt ist und von selbst den Taucher an die Oberfläche bringt. Das einzige, das er dazu noch tun muss, ist in der erreichten Tiefe die Gewichte lösen. Der Rest wird durch den Auftriebskörper erledigt.
Nun war es also soweit: Herbert Nitsch hat seinen Tauchgang begonnen. Tiefer und tiefer sinkt der Schlitten am Seil in die Tiefe, bis er in 243,84 Meter Tiefe (800 Fuß) ankommt. Rund um ihn herrscht das große Dämmerlicht des Mesoplegials, der obersten Schicht der Tiefsee. Als erster Mensch der Welt ist der Wiener mit nur einem Atemzug in der Tiefsee angekommen. Eine Kamera zeichnet den gesamten Tauchgang auf. In dieser fremden Umgebung angekommen schnappt sich Herbert eine dort befestigte Tiefenplakette, um seinen Rekord an der Oberfläche bestätigen zu können, klinkt die Gewichte aus und der Aufstieg beginnt.
Nach 4 Minuten und 32 Sekunden erreicht Herbert endlich wieder die Oberfläche, wo die Sicherungsmannschaft bereits sehnsüchtig auf ihn wartet – es waren nämlich nur 4 Minuten Tauchgang geplant. Beim Auftauchen gibt er den Wartenden noch das OK-Zeichen und freut sich über seinen Triumph. Wie vorher vereinbart, bekommt er eine Sauerstoffflasche ausgehändigt und begibt sich mit dieser in 10 Meter Tiefe, um dort für knapp 20 Minuten eine Dekompression durchzuführen. Diese ist auch bei Freitauchern wichtig, da durch die enorme Geschwindigkeit des Aufstiegs der Stickstoff in der Atemluft in den Brustkorb expandieren und dort gefährliche Bläschen bilden kann. Da es bis dato allerdings keinerlei medizinische Untersuchungen zu diesem Thema gibt und nur einige wenige Erkenntnisse dazu existieren, haben sich Herbert und seine Mannschaft dazu entschlossen, in der Tiefe mit Sauerstoff „nass“ zu rekomprimieren.
Als er schließlich das Boot erklimmt, klagt er dennoch über Übelkeit und Kopfschmerzen – ein typisches Anzeichen für die Deko-Krankheit. Schnell leitet man die bereits vorbereitete Rettungskette ein und binnen nur einer Stunde nach dem Vorfall wird Herbert Nitsch bereits in die Deko-Kammer im Krankenhaus in Athen eingeliefert. Eine sensationelle Zeit, die zeigt, wir gut vorbereitet alles war.
Ab nun überschlagen sich die Spekulationen und Medienberichte. Die „Kronen Zeitung“ weiß gar in ihrer Abendausgabe (die gegen 19.00 Uhr gedruckt wird) von einem Herzstillstand zu berichten. Woher sie diese seltsame Information hat, bleibt ein Rätsel – die ersten Berichte der ihn begleitenden Freunde werden um 22.00 Uhr ins Internet gestellt und bewirken ein Aufatmen bei allen, die ihn – wie wir – gut kennen. Herbert ist ansprechbar, es geht ihm gut, alles ist glimpflich ausgegangen.
Die medizinische Behandlung
Zwischen dem 6. und dem 9. Juni wurde Herbert insgesamt drei Druckkammerfahrten unterzogen, bei denen der Taucher unter einen künstlichen Druck gesetzt und mit reinem Sauerstoff behandelt wird. Bei diesen Fahrten war Herbert jederzeit ansprechbar. Die Auswertung der fünf während des Tauchgangs mitgeführten Tiefenmesser haben außerdem bestätigt, dass der Athlet die vorgesehen Tiefe tatsächlich erreicht hat. Nicht nur, dass es Herbert Nitsch außergewöhnlich gut geht – tauchen Sie mal mit nur einem Atemzug auf 244 Meter – ist es somit auch noch amtlich: der Österreich Herbert Nitsch ist der tiefste Mensch der Welt.
Das gesamte nullzeit.at-Team gratuliert Herbert zu seinem sensationellen Erfolg. Wir hoffen, ihn sehr bald wieder zu treffen!
Ob und wann die weiteren geplanten Tauchgänge seiner Tieftauchversuche stattfinden werden, kann derzeit übrigens niemand sagen. Wie wir Herbert kennen, wird er wohl vorerst mit Hilfe von Medizinern versuchen herauszufinden, wie man die Dekokrankheit bei solchen Tauchgängen vermeiden kann. Wie gesagt, er ist immer auf Sicherheit aus – und das ist mehr als löblich!
Ach, und eines sei uns noch gestatt zu sagen: AIDA hin oder her - wenn dieser Tauchgang kein Weltrekord sein soll, dann wissen wir wirklich nicht, was dann ein Weltrekord wäre.
Wir verweisen dazu auch auf sein Interview, das er uns vor einiger Zeit gegeben hat.
[Quelle: nullzeit.at]
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| Kommentar von: Leo Ochsenbauer - nullzeit.at | gepostet:
15.06.2012 12:46
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PS: Von wegen DUmmheit |
| PS: Dich als Tauchlehrer direkt angesprochen - du wirst doch sicher wissen, wie die heute von uns Tauchlehrern so hochgelobten Tauchtabellen entstanden sind? Durch Versuche, Unfälle und ein Schauen, wie weit man gehen kann. Erst durch die "Dummheiten" der Vergangenheit, haben wir heute das Wissen über die Dekotheorie, das wir zur Erhöhung der SIcherheit an unsere Schüler weitergeben können. Denk mal kurz darüber nach und sieh den Tauchgang von Herbert dann vielleicht aus einem anderen Blickwinkel.. |
| Kommentar von: Leo Ochsenbauer - nullzeit.at | gepostet:
15.06.2012 12:43
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@ Karl: Neue Granzen |
| Hallo Karl, wie am Anfang des Artikels geschrieben, ist unsere Meinung, dass die Grenzen nun wohl mehr oder weniger ausgereizt sind. ABER: wenn du - als Tauchmediziner - bedenkst, dass vor einigen wenigen Jahren die Tauchmediziner der Meinung waren, ein Tauchgang der weitaus tiefer als 100 Meter (!) führt, würde das menschliche Vermögen übersteigen und die Lunge kollabieren lassen, dann ist der jetzige (und auch der aus 2007) Tauchgang von Herbert auch medizinisch gesehen ein enormer Wissensgewinn. Das hat nichts mit glorifizieren zu tun, sondern mit der Anerkenntnis einer unglaublichen Performance von Herbert Nitsch. Und er hat gezeigt: es ist möglich! Auch wenn natürlich ein Unfall passiert ist - aber vor kurzem hielt das (fast) jeder Experte überhaupt für undurchführbar. Manchmal muss man eben auf brutale Art und Weise aufzeigen, dass manches eben doch machbar und möglich ist - und dass der menschliche Körper mehr zu machen im Stande ist, als sich Experten vorstellen können. |
| Kommentar von: Karl | gepostet:
15.06.2012 11:42
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Neue Grenzen ?????? |
| Ja - neue Grenzen der Dummheit; bitte nicht diese Tiefenrekorde glorifizieren diese sind von mir als Tauchmediziner (und auch Tauchlehrer) in keinster Weise zu befürworten! |




